KurzgeschichteN & 
Poe(sie)(try)

Eine (klitzekleine) Auswahl

Ein Pool in Kroatien 

Ich bin ein Pool auf einer kroatischen Insel. Ein stiller, glänzender Fleck auf der Karte, der sich in der Sonne verliert und die Hitze des Tages einsaugt wie ein verlorenes Versprechen. Mein Wasser ist klar, fast zu klar – fast schon zu sauber, zu perfekt, um wirklich lebendig zu wirken. Aber das ist meine Aufgabe. Ich bin der Ort, an dem alles und nichts passiert, zwischen denen, die kommen und denen, die bleiben. 

Da ist der alte Herr. Schlohweißes Haar, knallrote Badehose. Jeden Morgen, Punkt neun Uhr, erscheint er wie aus dem Nichts, als hätte er die Zeit selbst im Griff. Er schwimmt seine Runden, als würde er mit den Wellen tanzen. Der Körper trägt die Jahre, das weiß jeder, aber seine Bewegungen – geschmeidig, fast tänzerisch. Ein Fisch im Wasser, der nie ein Wort verliert. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt wahrnimmt, dass er nicht allein ist, dass ich da bin, um ihn zu tragen, ihn zu stützen. Wahrscheinlich nicht.

Und dann ist da die junge Frau mit den pinken Haaren und den Tattoos, die wie Landkarten einer anderen Welt auf ihrer Haut liegen. Sie kommt am Nachmittag, wenn die Sonne am höchsten steht, wenn die Hitze alles verzehrt. Sie springt ins Wasser, als sei es der letzte Sprung ihres Lebens, mit einem lauten Platschen, das fast die Luft selbst zerreißt. Ihre Freude steckt an, sie sprudelt über wie ein Sprudelwasser. Und für diesen Moment, während sie in mir badet, fühle ich mich fast lebendig, als ob mein Wasser plötzlich mehr wäre als nur Wasser.

Dann tauchte mal ein Mann auf, der aussah wie ein Banker. Maßgeschneiderter Anzug, Aktentasche, die nie wirklich zu mir zu passen schien. Langsam stieg er die Stufen hinab, als wäre das Wasser ein seltenes Elixier, das man nicht einfach so anrühren darf. Er ließ sich vorsichtig ins Wasser gleiten, schloss die Augen und atmete tief ein. In diesem Moment war er der, der er nicht mehr sein durfte – er war einfach nur jemand, der sich für einen Augenblick selbst verlor. Und ich spürte, wie seine Anspannung sich von ihm löste, wie er für diese kurze Zeit in mir verschwand. Ich war ihm plötzlich alles.

Und dann gibt es die anderen. Die Touristen, die mich einmal besuchen. Sie steigen ein, machen ein Foto, posten es, als wäre ich der Beweis für ihre Existenz. Sie lachen laut, aber es ist das Lachen von irgendetwas, das zu schnell vergänglich ist, zu flüchtig. Sie kommen, und ich vergesse sie schneller, als ich ihren Namen gehört habe. Aber sie gehören dazu, auch wenn sie keine Spuren hinterlassen, außer in den flimmernden Pixeln ihrer Smartphones.

Und wenn der Tag sich dann endgültig verabschiedet, die Sonne hinter den Hügeln versinkt, bleibe ich wieder zurück. Allein. Nur ein stilles Gewässer, das im Dunkeln verschwindet. Aber ich bin nicht traurig. Das ist mein Job. Ich bin der Pool auf einer kroatischen Insel. Und das ist genug.

Die Antwort auf die Frage nach dem warum im wieso.

Einfacher gesagt: Warum ich das eigentlich mache.

Die Welt besteht aus Paralleluniversen, die einander streifen, aber selten berühren. Jeder lebt in seiner eigenen Realität, und manchmal öffnet sich ein Spalt, gerade weit genug, um einen Blick hineinzuwerfen. Bei Kindern passiert das ständig. Sie schaffen Welten, als wäre es das Selbstverständlichste überhaupt. Ein Sandkasten ist für sie kein Sandkasten, sondern eine Goldmine, ein Ozean, ein Königreich. Sie erklären dir das auch nicht groß, weil sie annehmen, du siehst es genauso. Und wenn du ehrlich bist, fragst du dich manchmal: Wieso sehe ich das eigentlich nicht mehr? Diese Mühelosigkeit, in allem ein Abenteuer zu finden.

Erwachsene haben das oft verloren – diese Fähigkeit, die Welt einfach zu sehen, ohne sie sofort einzuordnen. Stattdessen bauen sie ihre eigenen Strukturen, lassen sich von allem ablenken, was sie daran hindert, den Alltag in seine Einzelteile zu zerlegen. Ihre Welt ist kein Abenteuer mehr, sondern ein Programm, das sie täglich abspulen. Die Unaufgeregtheit, mit der sie sich durchs Leben bewegen, ist fast schon eine Kunstform. Sie sind ständig in Bewegung, aber oft nicht wirklich irgendwo. Sie verstricken sich in ihren eigenen Gedanken, analysieren jede Entscheidung, bis sie ihre ganze Energie auf die kleinste Frage verschwenden. Es ist erstaunlich, wie sie alles so selbstverständlich hinnehmen – das Leben als Konstante, als etwas, das man einfach erledigt. Aber zwischen den Zeilen, da blitzt es auf: Ein kleiner Riss, der sie plötzlich aus der Bahn wirft. Ein Moment, in dem sie sich fragen: Was, wenn ich das alles gerade ganz anders sehen könnte?

Und die Älteren – die haben sich längst von dieser Unaufgeregtheit verabschiedet. Sie erzählen, als wäre jeder Moment ein zartes Stück Geschichte, das nicht im Dschungel der täglichen Aufgaben verloren gehen darf. Ihre Erinnerungen tragen den Staub der Zeit, aber sie sind stolz darauf. Kein Bedürfnis, sich anzupassen. Ihre Geschichten kommen langsam, aber sie kommen mit einer Wucht, die man kaum erwartet. Sie teilen einen Blick, der dir plötzlich die Augen öffnet für Dinge, die du für selbstverständlich gehalten hast. Sie sind keine Nostalgiker, die den guten alten Zeiten hinterhertrauern, sondern Realisten, die verstehen, dass alles, was war, heute irgendwie noch da ist – in einer anderen Form, aber trotzdem präsent.

Der Junge, der sein Eis auf Sylt isst.

Also, da steh ich also, auf Sylt, an einer dieser Eisdielen, die es hier gefühlt an jeder Ecke gibt. Die Sonne brennt auf meine Stirn, der Sand knirscht unter meinen Birkenstocks und ich sehe mir das bunte Treiben an. Touristen, Einheimische, alle versammelt hier, um sich eine kleine Abkühlung zu gönnen. Und dann ist da dieser Junge. Ein kleiner frecher Junge, der jeden Tag hierher kommt und sich fünf Kugeln Eis mit Soße und Streuseln gönnt. Fünf Kugeln! Wer isst denn bitte fünf Kugeln Eis? Ich meine, ich bin ja auch kein Kind von Traurigkeit, aber das ist doch übertrieben. 

Jeden Tag zur gleichen Zeit kommt er hierher, mit seinem Fahrrad, das quietscht wie eine alte Schranktür. Er stellt es ab, zieht seine Sonnenbrille hoch und bestellt sein Eis. Und dann setzt er sich auf die Bank gegenüber und fängt an zu schlemmen. Als ob es das Normalste der Welt wäre, fünf Kugeln Eis zu verdrücken.

Und wisst ihr was? Es ist nicht nur das Eis, das mich stört. Es ist dieser ganze Auftritt drumherum. Der Junge löffelt das Eis mit einer Selbstverständlichkeit, als ob er jeden Tag einen Berg besteigen würde. Er schaut nicht mal auf sein Handy, er redet nicht mit seinen Freunden, er genießt einfach nur. Und das macht mich wahnsinnig. Ich meine, ich bin doch hier, um mich zu entspannen, um den Alltag hinter mir zu lassen.

Ich beobachte ihn also, wie er genüsslich seine fünf Kugeln Eis isst. Und ich frage mich, was wohl in seinem Kopf vorgeht. Hat er keine Sorgen? Keine Probleme? Oder ist er einfach nur naiv und ahnungslos? Ich kann es nicht sagen. Aber ich weiß, dass ich ihn nicht leiden kann. Dieser kleine Junge, der hier sitzt und sich fünf Kugeln Eis gönnt, als ob es das Normalste der Welt wäre.

Und dann, eines Tages, sehe ich ihn nicht mehr. Er kommt nicht mehr zur Eisdiele, er setzt sich nicht mehr auf die Bank gegenüber. Und ich frage mich, was wohl passiert ist. Hat er sich überfressen? Hat er eine Allergie entwickelt? Oder hat er einfach nur genug von seinem täglichen Eisritual? Ich werde es wohl nie erfahren.

Aber wisst ihr was? Seitdem er nicht mehr hier ist, vermisse ich ihn. Ja, ich vermisse diesen kleinen Rotzlöffel, der mir gezeigt hat, wie oberflächlich und hektisch mein Leben ist. Ich vermisse seine Selbstverständlichkeit, seine Genussfreude, seine Unbekümmertheit. Und ich frage mich, ob ich nicht vielleicht doch etwas von ihm lernen kann. Vielleicht sollte ich auch mal fünf Kugeln Eis essen, einfach so, ohne Grund. Einfach nur, um zu genießen.

& ein wenig Gedanken.

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